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 Nacht

 Dämmern Wolken über Nacht und Tal,
 Nebel schweben, Wasser rauschen sacht.
 Nun entschleiert sich's mit einemmal:
 O gib Acht! Gib Acht!
 Weites Wunderland ist aufgetan.
 Silbern ragen Berge, traumhaft groß,
 Stille Pfade silberlicht talen
 Aus verborg'nem Schoß;
 Und die hehre Welt so traumhaft rein.
 Stummer Buchenbaum am Wege steht
 Schattenschwarz, ein Hauch vom fernen Hain
 Einsam leise weht.
 Und aus tiefen Grundes Düsterheit
 Blinken Lichter auf in stummer Nacht.
 Trinke Seele! Trinke Einsamkeit!
 O gib Acht! Gib Acht!

Carl Hauptmann (1858-1921) 

Schilflied

 Auf geheimem Waldespfade
 Schleich' ich gern im Abendschein
 An das öde Schilfgestade,
 Mädchen, und gedenke dein!

 Wenn sich dann der Busch verdüstert,
 Rauscht das Rohr geheimnisvoll,
 Und es klaget und es flüstert,
 Daß ich weinen, weinen soll.

 Und ich mein', ich höre wehen
 Leise deiner Stimme Klang,
 Und im Weiher untergehen
 Deinen lieblichen Gesang.

 Nikolaus Lenau (1802-1850) 

Die Nachtigall

 Das macht, es hat die Nachtigall
 Die ganze Nacht gesungen;
 Da sind von ihrem süßen Schall,
 Da sind in Hall und Widerhall
 Die Rosen aufgesprungen.

 Sie war doch sonst ein wildes Blut,
 Nun geht sie tief in Sinnen,
 Trägt in der Hand den Sommerhut
 Und duldet still der Sonne Glut
 Und weiß nicht, was beginnen.

 Theodor Storm (1817-1888) 


 Traumgekrönt

 Das war der Tag der weißen Chrysanthemem,
 Mir bangte fast vor seiner Pracht...
 Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
 Tief in der Nacht.
 Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,
 Ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
 Du kamst, und leis' wie eine Märchenweise
 Erklang die Nacht.

 Rainer Maria Rilke (1875-1926)
 

 Im Zimmer

 Herbstsonnenschein.
 Der liebe Abend blickt so still herein.
 Ein Feuerlein rot
 Knistert im Ofenloch und loht.
 So, mein Kopf auf deinen Knie'n,
 So ist mir gut.
 Wenn mein Auge so in deinem ruht,
 Wie leise die Minuten zieh'n.

 Johannes Schlaf (1862-1941) 

 Liebesode

 Im Arm der Liebe schliefen wir selig ein,
 Am offnen Fenster lauschte der Sommerwind,
 Und unsrer Atemzüge Frieden trug er 
 hinaus in die helle Mondnacht.
 Und aus dem Garten tastete zagend sich 
 ein Rosenduft an unserer Liebe Bett
 Und gab uns wundervolle Träume,
 Träume des Rausches, so reich an Sehnsucht.

 Otto Erich Hartleben (1864-1905) 


 Sommertage 

 Nun ziehen Tage über die Welt,
 Gesandt aus blauer Ewigkeit,
 Im Sommerwind verweht die Zeit.
 Nun windet nächtens der Herr
 Sternenkränze mit seliger Hand
 Über Wander- und Wunderland.
 O Herz, was kann in diesen Tagen
 Dein hellstes Wanderlied denn sagen
 Von deiner tiefen, tiefen Lust:
 Im Wiesensang verstummt die Brust,
 Nun schweigt das Wort, wo Bild um Bild
 Zu dir zieht und dich ganz erfüllt.

 Paul Hohenberg